„Kannst du mir helfen?“, fragte ein blond gelockter Junge, als er durch die Tür ins Badezimmer trat. Er wedelte mit einem Zettel in seiner Hand und hielt ihn schließlich direkt vor den hellblauen Porzellanzahnputzbecher, in dem nicht weniger als sieben Zahnbürsten steckten. Drei davon waren schon besonders lange nicht mehr in Verwendung und hatten wesentlich größere Ähnlichkeit mit einem schlecht geschnittenen Vokuhila auf dem Kopf eines Kunststudenten als mit Utensilien, die man sich regelmäßig in den Mund steckte. Der blonde Junge hatte aber etwas ganz anderes im Blick. Immer noch hielt er den bedruckten Zettel in der Hand und fuchtelte scheinbar vor den Zahnbürsten damit herum.
Man musste genau hinsehen, um zu erkennen, dass auf dem blauen Becher etwas saß. Etwas Kleines, Grünes. Eine winzige Gestalt mit übergroßen gelben Glubschaugen. Es blinzelte und betrachtete den blonden Jungen mit seinen tiefschwarzen rautenförmigen Pupillen. Ein Quaken ertönte und ein kleiner Frosch räusperte sich, als er auf das bedruckte Papier blickte, das der Junge ihm erwartungsvoll vors Gesicht hielt.
Es war eine Grafik, wie sie oft bei einem Zahnarzt an der Wand abgebildet oder auf der Packung von Mundspülungen zu sehen war. Es war das Abbild eines Kiefers mit Zähnen. Allerdings in der Farbe „Druckerpatrone-fast-leer“.
„Ich muss das Bild beschriften“, sagte der Junge und der kleine grüne Frosch, der auf dem blauen Zahnputzbecher zwischen den sieben Zahnbürsten saß, klemmte sich ein winziges Monokel vors Auge.
„Wenn ich dir immer bei deiner Hausübung helfe, lernst du doch nie was“, sagte er quakend und der Junge trat ungeduldig auf der Stelle. „Ach komm schon. In fünfzehn Minuten kommen die anderen zum Fußballspielen. Und seit unser Wlan so spinnt, kann ich nicht mal googeln.“
Der Frosch seufzte. „Googeln…“, grummelte er. „Weißt du, junger Mann, zu meiner Zeit….“ „Ja, ja. Was is jetzt? Hilfst du mir? Ich weiß nicht, ab wo man genau Backenzähne hat.“
„Das kommt natürlich ganz darauf an, ob es sich bei der Abbildung um ein Milchgebiss mit 20 Zähnen handelt oder um ein Dauergebiss mit 32 Zähnen“, sagte der Frosch und klang dabei, als hätte er diese Begriffe höchst selbst erfunden. „Mach es nicht so kompliziert, Frosch“, schnurrte eine andere, samtweiche Stimme. Der Junge drehte sich um und sah, wie ein schwarzer Kater mit erhobenem Haupt ins Badezimmer stolzierte. Er schlug einen Bogen, schawänzelte dem Jungen um die Beine und setzte sich dann mit einem kleinen Hops auf den Heizkörper unter dem Fenster.
„Erspar uns das Zahngedöns und hilf schnell bei dieser lächerlichen Hausaufgabe. Der Junge will nicht Zahnarzt werden, sondern Fußballspieler“, schnurrte der Kater mit einer arroganten Stimme.
„Aber Zahnarzt wäre wahrscheinlich schlauer… Auch nach einer Knieverletzung kann man dabei noch einiges an Geld verdienen.“ Der Junge verdrehte die Augen. „Nicht schon wieder diskutieren. Was ist jetzt mit dem Backenzahn?“
„Beim erwachsenen Gebiss kannst du von hinten nach vorn beschriften: ein Weisheitszahn, zwei Mahlzähne, zwei Backenzähne, ein Eckzahn und vorne dann vier Schneidezähne“, seufzte der Frosch.
Der Junge hatte bereits einen Kugelschreiber gezückt und alles auf seinem Zettel notiert, den er umständlich zwischen linkem Arm und blauen Badezimmerfliesen an der Wand einklemmte, um überhaupt schreiben zu können. „Danke. Ich wusste doch, ich kann auf dich zählen“, sagte er und hüpfte erfreut aus dem Badezimmer.
